Hochsensible Personen (HSP) stehen im Berufsalltag vor einzigartigen Herausforderungen. Besonders, wenn sie sich ihrer Hochsensibilität nicht bewusst sind, können die täglichen Anforderungen schnell zur Überforderung führen. Doch Hochsensibilität ist nicht nur eine Last – sie birgt auch großes Potential. Wie kann dieses Potential genutzt werden, um die Hochsensibilität als Stärke zu sehen und im Beruf erfolgreich zu sein?
Schritt 1: Erkenntnis und Verständnis
Der erste Schritt besteht darin, die eigene Hochsensibilität zu erkennen und zu akzeptieren. Es ist wichtig, sich über die eigenen Stärken und Fähigkeiten im Klaren zu sein. Hochsensible Menschen sind oft besonders intuitiv, empathisch und detailorientiert – Eigenschaften, die in vielen Berufsfeldern wertvoll sind. Mit diesem Bewusstsein beginnt die Verwandlung von Belastung zu Potential.
Vielleicht denkst du, dass du langsamer bist als andere Menschen. Doch der Scheint trügt. HSP verarbeiten mehr Reize in geringerer Zeit. Doch dadurch, dass HSP sehr viele Aspekte in Entscheidungsprozesse einbeziehen, benötigen sie oft weniger Zeit für Antworten oder Entscheidungen.
Schritt 2: Cooping-Strategien finden
Da Hochsensibilität unterschiedliche Ausprägungen hat, sind die Strategien zur Bewältigung individuell anzupassen. Zwei wichtige Ansätze sind:
- Reizregulierung: Nach intensiven Phasen vieler Reize ist es essenziell, sich zurückzuziehen und die Reizlast zu reduzieren. Dies kann mittels Pausen während der Arbeit oder einem ruhigen Arbeitsplatz geschehen. HSP mit einer erhöhten sensorischen Wahrnehmung (Geräusche, Gerüche etc.) können von Massnahmen wie einem ruhigen Arbeitsraum oder geräuschunterdrückenden Kopfhörern profitieren. Ist eine Reizreduktion während der Arbeit nicht möglich, ist es ratsam, reizarme Zeitfenster direkt vor und/oder nach der Arbeit einzuplanen. Wichtig dabei ist, dass dies regelmässig geschieht und nicht erst, wenn du völlig überreizet bist.
- Proaktive Pausenplanung: Plane Pausen im Voraus ein und nicht erst dann, wenn du deine Grenzen bereits überschritten sind. Hast du in diesem Moment dann doch kein Bedürfnis nach einer Pause, kannst du sie immer noch kurzfristig füllen. Ich empfehle dir jedoch sehr, die geplante Pause auch einzuhalten, wenn du das Gefühl hast, dass sie nicht nötig ist. So stellst du sicher, dass du gar nicht erst in den Zustand der Überreizung schlitterst.
- Struktur schaffen: Für die sogenannten High Sensation Seekers (HSS), die oft zwischen vielen Aufgaben springen, kann es hilfreich sein, mit klaren Deadlines zu arbeiten und sich auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren, bevor sie die nächste beginnen. HSS neigen dazu vier, fünf oder sechs Aufgaben parallel zu machen und hin und her zu switchen. Wenn du davon betroffen bist, plane in deiner Agenda ein, wann du welche Aufgabe erledigst und sehe diese Planung als verbindlich an. Wenn Arbeitskolleginnen oder -kollegen kurzfristig etwas von dir benötigen, verweise sie auf die freien Zeitfenster in deiner Agenda.
- Beziehe Vorgesetzte mit ein: Bist du angestellt, kann es hilfreich sein, dich deinen Vorgesetzten anzuvertrauen. Höre dabei auf dein Gefühl und entscheid, ob sich dies für dich stimmig anfühlt. Manchmal ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten wie beispielsweise ein Einzelbüro, mehr Homeoffice oder neue Regeln wie stille Arbeitsphasen.
Schritt 3: Individuelle Wege gehen
Jede und jeder Hochsensible ist anders – daher sollten auch die Lösungsansätze individuell sein. Wichtig ist, dass HSP ihre einzigartigen Fähigkeiten erkennen und gezielt einsetzen. Unterstützende Beratung oder Begleitung kann helfen, geeignete Strategien zu finden und diese im Berufsalltag umzusetzen. Sprich in deinem Freundeskreis darüber. Oft befinden sich im Freundeskreis von HSP weitere HSP. Denn wie wir wissen: gleich und gleich gesellt sich gern.
Schritt 4: Berufssetting prüfen
Falls trotz aller Cooping-Strategien keine Besserung eintritt, könnte ein Wechsel des Berufssettings in Betracht gezogen werden. Wichtig dabei: Diesen Schritt nicht aus einer akuten Überreizung heraus tätigen. Stattdessen sollte zuerst eine Phase der Reizreduktion erfolgen, um die Entscheidung in Ruhe und mit klarer Perspektive treffen zu können.
Fazit
Hochsensibilität ist eine Stärke, wenn sie erkannt und gezielt eingesetzt wird. Mit den richtigen Strategien und einem unterstützenden Umfeld können HSP ihr Potential entfalten und im Berufsalltag erfolgreich sein. Die Sensitivität muss nicht ausgeschaltet werden – sie ist ein wertvoller Teil dessen, was Hochsensible ausmacht.
